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Dr.
Lutz Viëtor in: WIK - Zeitschrift für die Sicherheit der
Wirtschaft, Nr. 5, November 2003, Seite 54 f.
WIK-Originaltext
siehe hier
Neue
Belastung durch EU-Osterweiterung:
Sicherheitsgewerbe
vor neuerlichem Strukturwandel
Auch
2003 war in Deutschland ein Jahr, das insbesondere für die
großen Sicherheitsunternehmen wieder erhebliche personelle
und organisatorische Veränderungen brachte, unter anderem bei
Securitas, Securicor, Brink`s und Falck Deutschland. Dazu zählt
auch der Rückzug von Marktführer Securitas aus dem Geld-
und Werttransport für den deutschen Handel. Nicht nur die Konzerne,
fast alle Unternehmen kämpfen mit den Folgen der oft selbst
inszenierten Niedrigpreisabschlüsse. Für die Branche bleiben
die Zeiten auch weiterhin unruhig: Insbesondere die EU-Osterweiterung
wird den Markt durchrütteln.
Das
Sicherheitsgewerbe befindet sich seit der Wiedervereinigung vor
14 Jahren in einem permanenten Umstrukturierungsprozess
- zuletzt beschleunigt durch die Strukturkrise im Geld- und Werttransport
nach der Euro-Einführung. Die Ausgangssituation ist bekannt:
Der Wettbewerb vollzieht sich immer noch weitgehend über den
Preis, Qualitätsansprüche bleiben auf der Strecke. Insbesondere
die öffentliche Hand mit ihrer Praxis, Aufträge an den
billigsten Anbieter zu vergeben, trägt dazu bei, das Dienstleistungsniveau
abzusenken. Diese Entwicklung erfasst zunehmend auch alle anderen
Kundenbereiche. Eine Begleiterscheinung ist, dass Lohntarifverträge,
die sich ohnehin im Niedrigstlohnbereich, kurz vor der von Gerichten
als sittenwidrig gekennzeichneten Grenze bewegen, in der Praxis
oft noch unterschritten werden. So liegen in Berlin trotz einem
Tarifstundenlohn von 5,25 € neueste Lohnvereinbarungen für
exponierte Objekte bei 4,11 €. Auf Qualität ausgerichtete
Unternehmen müssen solchen Aufträge verlieren. Geht der
Wettbewerb weiter über den Preis, sind die Unternehmen gezwungen,
ihre Verwaltungskosten durch Abstriche an der Weiterbildung, der
Qualifizierung der Führungskräfte, dem Controlling und
der Ausrüstung zu senken. Diese Spirale nach unten kann nur
durch einen verbindlichen Mindestlohn unterbrochen werden - eine
Aufgabe der Bundesregierung.
Die
öffentliche Hand und auch Unternehmen, die die aktuelle Preissituation
nutzen, stehen ihren Interessen dabei auch selbst im Weg. Denn für
eine weitere Kostenentlastung durch Outsourcing der verbliebenen
höherwertigen Sicherheitsaufgaben werden sie auch höher
qualifizierte Dienstleister benötigen. Doch niedriges Lohnniveau,
niedrige Stundensätze und durch harten Wettbewerb gedrückte
Margen haben gravierende Auswirkungen auf die Substanz der anbietenden
Unternehmen. Vielfach reicht diese Substanz nicht aus, die gewünschten,
und mit Blick auf künftige Aufgaben, notwendigen Strukturveränderungen
umzusetzen. Insbesondere in der Personalentwicklung, im technischen
und organisatorischen Ausbau sowie dem Aufbau einer moderneren Ablauforganisation
müssten zusätzliche Mittel eingesetzt werden. Schon gar
nicht lassen es solche Rahmenbedingungen zu, dass heute, wie noch
in den 80er Jahren möglich, aus einem regionalen Mittelständler
aus eigener Kraft ein deutschlandweit oder international tätiger
Anbieter entsteht. „Nachhilfe“ für den deutschen
Markt aus dem Ausland ist nicht zu erwarten. Der deutsche Sicherheitsmarkt
ist für weitere große ausländische Anbieter nach
dem Markteintritt von Securitas, Securicor und Falck nicht attraktiv
genug.
Marktbereitung
durch Ost-Unternehmen
Die Wahrscheinlichkeit einer Marktbereinigung wird in den nächsten
Jahren wachsen: Wenn sich der europäische Markt für die
EU-Beitrittsländer 2004 und 2007 weiter öffnet, werden
vor allem in Deutschland die kostengünstiger arbeitenden Anbieter
aus den östlichen Nachbarländern das Preisniveau weiter
drücken. Nicht unwahrscheinlich ist, dass für den Kunden
das Preis-Leistungs-Verhältnis gelegentlich dennoch günstiger
ist als beim Einsatz deutscher Billigstkräfte. In Osteuropa,
wo die private Sicherheit seit der Abkehr vom Kommunismus einen
hohen Stellenwert hat, stehen inzwischen etablierte Unternehmen
mit jungen, solide ausgebildeten und motivierten Mitarbeitern und
in der Regel recht guter Technik bereit, zum Teil verbunden mit
renommierten international agierenden Dienstleistern.
Im
Gegensatz zu vielen anderen Gewerbebereichen der Beitrittsländer
verfügt das osteuropäische Sicherheitsgewerbe über
günstigere Voraussetzungen für den Wettbewerb in der europäischen
Gemeinschaft. Es wird zwar Übergangszeiten für den grenzüberschreitenden
Personaleinsatz geben, so dass nicht schon im April 2004 polnische
Unternehmen mit eigenen Sicherheitskräften die Bundesministerien
in Berlin bewachen werden. Doch sicherlich werden über „Werkverträge“
schon bald nach dem Beitrittstermin viele Aufgaben angegangen und
der Boden für die grenzüberschreitende Expansion bereitet.
Um gewerberechtliche Aufwendungen zu minimieren, sind auch Übernahmen
oder Partnerschaften denkbar.
Osteuropäische
Anbieter werden in Deutschland nicht bei Null beginnen müssen.
Dafür wird unter anderem die Erfahrung mit der deutschen Wirtschaft
sorgen, die beim notwendigen Schutz ihrer osteuropäischen Engagements
inzwischen vielfache und teilweise wohl auch befriedigende Erfahrungen
mit dortigen Sicherheitsanbietern gemacht hat. Kunden und Anbieter
hatten in Osteuropa inzwischen über ein Jahrzehnt Zeit, die
Unterschiede zwischen seriösen Sicherheitsdienstleistern und
den in der Branche nach wie vor vorhandenen OK-Strukturen heraus
zu arbeiten und sich entsprechend zu entscheiden. Dass die OK-Verflechtung
aber nicht nur in den Beitrittsländern, sondern auch in Deutschland
ein Problem sein kann, zeigen Erfahrungen des Autors. Schließlich
ist es für Ausländer relativ einfach, in Deutschland ein
Sicherheitsunternehmen zu gründen – am einfachsten zuerst
ein Detektivbüro.
Die
Folgen der Ich-AGs
Schon jetzt wird der auf dem Sicherheitsgewerbe lastende
Preisdruck durch eine ganze Reihe von Neugründungen der von
den Arbeitsämtern subventionierten „Ich-AGs“ verschärft,
die, wie der Autor aus seiner Beratungstätigkeit weiß,
teilweise über eine gute Auftragslage (Türsteher, Veranstaltungsschutz,
Objektbewachung / Springer, Detektiv / Beobachtungen) verfügen.
Mit der neuen Möglichkeit für sie, auch Personal beschäftigen
zu können, stellen sie durch ihre günstigere Kostenstruktur
insbesondere für kleinere Sicherheitsgesellschaften einen zu
beachtenden Wettbewerbsfaktor dar.
Die
Strukturprobleme der Branche werden durch die Ich-AGs
weiter wachsen. Diese sind bei aller individuellen Motivation der
Existenzgründer kaum - noch weniger als kleine Branchenunternehmen
- in der Lage, die Mittel für eine kontinuierliche Qualifizierung
sowie für die notwendige Technik aufzubringen. Sie werden in
jenem Marktsegment, in dem den Kunden diese Basisqualifikation ausreicht,
die (Preis-)Standards definieren und damit auch etablierte Sicherheitsanbieter
zwingen, sich in Preis und Qualität nach unten anzupassen oder
das Segment aufzugeben. Das Problem der festgestellten ausschließlichen
Bindung als Subunternehmer (oft kostengünstiger Springer oder
Aushilfen) an einen Auftraggeber wird dabei ignoriert und wohl auch
selten verfolgt. Die Auswirkungen der Ich-AGs werden allerdings
nicht jenes Ausmaß wie Anfang der 90er Jahre erreichen, als
mehrere zehntausend Angehörige der Schutz- und Sicherheitsorgane
der ehemaligen DDR in den Markt drängten und, obwohl zum Teil
gut qualifiziert, bereit waren, im Niedriglohnbereich zu arbeiten,
oder Firmen gründeten, die allerdings überwiegend nur
kurze Zeit eigenständig blieben.
Die
damaligen Defizite bei den rechtlichen Rahmenbedingungen
für den Einstieg in das Gewerbe bestehen bis heute fort: Es
ist einerseits die niedrige gewerberechtliche Hürde, die einen
relativ leichten Zugang in das private Sicherheitsgewerbe ermöglicht,
und andererseits die nach wie vor sehr niedrigen Qualifikationsanforderungen
für die verschiedenen Tätigkeitsbereiche, die dessen spezifische
Anziehungswirkung ausmachen. Die gewerberechtlichen Anforderungen
gestatten es heute einem vorbestraften Kriminellen, unmittelbar
nach seiner Haftentlassung zum Beispiel ins Detektivgewerbe zu wechseln.
Es ist häufige Praxis, dass über diese erste, unkomplizierte
Gewerbegründung „Privatdetektiv“ schrittweise Tätigkeiten
in anderen Bereichen des Sicherheitsbewerbes aufgenommen werden
- auch wenn dies in Einzelfällen rechtswidrig (meist ohne §
34 a) geschieht. Vor diesem gewerberechtlichen Hintergrund ist es
auch nicht verwunderlich, dass osteuropäische Interessenten
in Deutschland eigentlich keinen Partner brauchten, sie gründen
ihre Firmen gleich selbst, haben ihre ersten Kunden unter ihren
Landsleuten und deren Unternehmen, von denen keiner nach §
34a GewO fragt.
Über unseren Autor:
Dr.
jur. Lutz Viëtor ist geschäftsführender Gesellschafter
der „ISG International tätige Sicherheitsgesellschaft
mbH“ in Berlin. Daneben ist er seit 1991 Eigentümer,
Partner und Berater von Sicherheitsunternehmen in Ost- und Südosteuropa
sowie internationaler Sicherheits- und Krisenberater, unter anderem
für baltische Staatsbanken, sowie Sachverständiger BDSF.
Vor der ISG-Gründung 1994 gehörte er der Geschäftsleitung
der nach der Wiedervereinigung expandierenden mittelständischen
Kruppa-Sicherheitsbüro-Gruppe (heute Pedus) an. Kontakt: mail@security-isg.com
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