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Auszug
aus: WIRTSCHAFTSSCHUTZ & SICHERHEITSTECHNIK 11/98, Seiten 60-62
Autor:
Dr. jur. Lutz Viëtor ist Geschäftsführender Gesellschafter
der ISG mbH Berlin
Feind
hört mit
Aktuelle
Formen der Wirtschaftsspionage und deren Auswirkungen
Selbst
mittelständigen Unternehmen wird immer bewußter, daß
verstärkt mit alten und neuen Methoden der Spionage u.a. Formen
der Wirtschaftskriminalität versucht wird, Vorteile im Wettbewerb
zu erlangen. Dabei gibt es weder nationale Grenzen noch Beschränkungen
auf bestimmt Größenordnungen. Für Sicherheitsunternehmen
und den Werkschutz eröffnen sich damit weitergehende und auch
neue Aufgaben, die der Staat nicht mehr bereit oder in der Lage
ist zu erfüllen.
Viele
Unternehmen erkennen oft nicht die realen Ursachen für wirtschaftliche
Rückgänge, wie den Verlust von Kunden oder das Ausbleiben
von Zahlungen, nicht erkennen. Aufgrund ihrer kaufmännischen
Seriösität vermuten sie noch nicht einmal die kriminelle
Hand des Wettbewerbers. Von der eigentlichen Erkenntnis bis zu realen
Gegenmaßnahmen vergeht i.d.R. nochmals viel Zeit. Auf die
Möglichkeiten privater Sicherheitsdienstleister besinnt man
sich noch zu spät, weil deren Angebote zu unbekannt und in
Deutschland auch sehr spezialisiert sind.
Mittelstand
im Visier
Beispielsweise
wurde ein mittelständiges Unternehmen mit einem Jahresumsatz
von über 50 Mio. DM langfristig angegriffen, indem Kunden nach
ihrer Kaufentscheidung verunsichert, zur Annullierung der Verträge
und gleichzeitig zu Schadensersatzforderungen angestiftet wurden.
Es entsprach der Natur des Wirtschaftsgutes, daß bis zur Entscheidung
des Kunden ein sehr langwieriger Überzeugungsprozeß notwendig
war, da es sich bei der Kaufsumme um einen sehr hohen Betrag handelt.
Die Analyse aller Vorfälle ergab, daß selbst vollständig
getrennte Erscheinungen einer lenkenden Hand zuzuordnen waren. Es
entstand der Verdacht der Schädigung durch mehrere Formen:
Ausnutzung illoyaler Mitarbeiter, Abhören von Gesprächen
in der Geschäftsführung, Auswertung der Auftragsbeziehungen
zwischen Unternehmen und freien Mitarbeitern, Observation des Verkaufspersonals
auf dem Weg zum Kunden und zum Verkaufsobjekt. In der Endkonsequenz
hatten wir hier eine Vielzahl parallel laufender und gut aufeinander
abgestimmter Methoden der Ausforschung und Beeinflussung.
Neu
für den Mittelstand erscheinen die eingesetzten technischen
Mittel, wie der Einsatz von Abhörtechnik (Bild). Ziel der Angriffe
waren Informationen über Verträge, Preise, potentielle
Kunden und die Möglichkeiten ihrer Beeinflussung. Interessant
ist auch die Ausnutzung des Wirtschaftsangriffes durch völlig
andere Gruppen, hier das Oktroyieren von Schadenersatzforderungen
mit dem Realziel des außergerichtlichen Vergleichs.
Parallelen
mit Osteuropa
Die
Erfahrungen besagen, daß es sich nicht um ein typisch deutsches
Problem handelt. Allerdings unterscheiden sich die Unternehmen in
Ost und West in Ihrer Sensibilität, mit der sie Sicherheitsprobleme
behandeln. Auch kleinere Unternehmen in Osteuropa achten wesentlich
intensiver darauf, daß Einstellungskandidaten sorgfältig
überprüft, die Möglichkeiten der technischen Aufklärung
und Abwehr genutzt werden und bei Vorliegen eines Verdachts wesentlicher
schneller reagiert wird.
Eine
Reihe westeuropäischer Unternehmen hat hier trotz Größe
und vorhandener wirtschaftlicher Möglichkeiten viel Lehrgeld
zahlen müssen. Wer als international bekanntes Unternehmen
in der Presse nach einem Buchhalter sucht, muß damit rechnen,
daß kriminelle Strukturen versuchen, diese Schlüsselposition
zu besetzen. Wer, wie bei einen weltbekannten Handelsunternehmen
vorgekommen, in Osteuropa die Bewachung der Lager über das
Wochenende durch einzelne einheimische Bewachungskräfte ausführen
läßt, verstößt gegen einen elementaren Organisationsgrundsatz
osteuropäischer Sicherheitsunternehmen.
Entwicklungsschwerpunkte
Die
Abnahme der staatlichen Verantwortung für bestimmte Formen
der Angriffe auf die Wirtschaft erhöht die Möglichkeiten
privater Sicherheitsunternehmen. Unter Berücksichtigung der
spezifischen Vergangenheit Europas wurde die Verantwortung staatlicher
Sicherheitskräfte im Kalten Krieg, auch Schutz bei vielfältigen
Wirtschaftsdelikten zu bieten, in dieser Richtung zwangsläufig
im Vergleich z. B. mit Amerika vernachlässigt. Dies betrifft
auch viele Ermittlungsdienste in den Werkschutzabteilungen.
Wirtschaftsangriffe
konzentrieren sich nach wir vor auf die Gewinnung von Informationen.
Dem dienen u.a. der Einsatz von Wirtschaftsspionen, die Ausnutzung
illoyaler Verhaltensweisen, der Einsatz technischer Mittel zur Aufzeichnung
von Gesprächen, dem Abhören von Telefonaten, dem Erfassen
von Datenströmen und auch eine immer verbesserte Zusammenführung
von Informationen und deren globale Auswertungen. Die politischen,
wirtschaftlichen und technischen Entwicklungen in den letzten Jahren
führten im Vergleich zur Zeit des Kalten Krieges zu völlig
veränderten Bedingungen. Deshalb wächst die Eigenverantwortung
der Unternehmen für ihre Sicherheit damit zwangsläufig.
Wer
annimmt, daß das Einfließen der Organisierten Kriminalität
aus Osteuropa sich vorrangig auf den Menschenhandel, den Zigaretten-
und Rauschgifthandel, den Waffenhandel, den Autodiebstahl, die Prostitution
und Umweltdelikte konzentriert, irrt. Zum einen wird auch über
diesen Weg versucht, mit den erwirtschafteten Geldern in die seriöse
Wirtschaft einzudringen. Zum anderen gibt es aber sehr wohl spezialisierte
Gruppen, die sich schwerpunktmäßig auf die Ausforschung
der Wirtschaft hinter seriös erscheinenden Firmierungen und
das Verkaufen der erlangten Informationen konzentrieren.
Übereinstimmend
finden wir u.a. folgende Tendenzen:
- Die
Technik läßt sich immer wirkungsvoller, unerkannter
und einfacher nutzen. Sie ist auch für kleinere Unternehmen
wirtschaftlich erschwinglich. Nationale gesetzliche Grenzen
der Anwendung bestimmter Techniken werden ignoriert, weil die
Gefahr der Aufdeckung relativ gering ist und die angedrohte
Strafe in keinem Verhältnis zum kriminellen Erfolg steht.
- Der
kriminelle Mißbrauch der Technik wird durch die Vielfalt
ihrer Funktionen, ihre natürlichen Schutzmechanismen und
die zunehmende Schnelligkeit zumindest begünstigt.
- Der
Austausch von Datenbeständen einschließlich des Datendiebstahls
durch illoyale Mitarbeiter ist relativ einfach und schwer personifizierbar.
Mögliche komplexe Schutzmechanismen werden unzureichend
genutzt, als schädliches Mißtrauen disqualifiziert.
- Die
Möglichkeiten des relativ ungehinderten Datentransfers
über das Internet einschließlich der Chiffrierung
begünstigt unkomplizierte, grenzüberschreitende Kontakte
mit Bild, Ton und sensiblen Daten.
Private
Dienstleister
Ein
Sicherheitsstandard der mittelständigen Unternehmen wird oft
angenommen, aber noch zu wenig professionell geschaffen. Zuerst
wird i.d.R. die Unsicherheit wahrgenommen, wenn es zu Vorkommnissen
kommt. Somit steht an der ersten Stelle die Überzeugung von
der Notwendigkeit eines präventiven Wirtschaftsschutzes. Gerade
das Bedürfnis des Unternehmers, seine Probleme möglichst
nicht öffentlichkeitswirksam werden zu lassen, bietet eine
Chance für spezialisierte private Sicherheitsunternehmen, die
über die Fähigkeit zur Kooperation verfügen.
Ein
simples Beispiel verdeutlicht dies:
Lückenlose Maßnahmen zum Schutz des gesprochenen Wortes
und der Information durch geeignete technische Abwehr führen
zwangsläufig zu einer Gefährdung der Informationsträger,
wie der Spitzenmanager, aber auch deren Familien. Damit entstehen
neue Bedürfnisse des Personen- und Objektschutzes. In einer
Konzeption müssen diese Zusammenhänge dargestellt und
am Objekt und den Personen spezifiziert werden. Es wäre ein
verhängnisvoller Fehler, durch Maßnahmen des technischen
Abhörschutzes eine Scheinsicherheit im Bereich des Unternehmens
aufzubauen und dabei die restlichen Bewegungs- und Privatsphären
der Informationsträger zu vernachlässigen. Umgekehrt dürfen
nicht die Objektbewachung oder der mobile Personenschutz als Allheilmittel
gesehen werden. Hier ist die Kooperation der in Deutschland überwiegend
spezialisierten Unternehmen erforderlich.
ISG
International tätige
SICHERHEITSGESELLSCHAFT mbH
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